Unwort(e)

Ein wenig Nachdenken und man erkennt, dass es unzählige, ungemein viele, eine Unmenge Wörter mit der Vorsilbe ,un‘ gibt. Schon in der Bibelübersetzung Luthers von 1545 (letzter Hand) finden sich Unzucht, Ungemach, Unglück, ungerecht, Unrecht, unfruchtbar, Unzeit und viele mehr. Und im berühmten Grimm’schen Deutschen Wörterbuch ist das Wort ,Unwort‘ als ein durchaus geläufiges Wort nachgewiesen und zwar schon im Mittelhochdeutschen mit der Bedeutung „böses, beleidigendes wort; ein wort, das es nicht gibt, nie gegeben hat, unrichtiges, verwerfliches u. dgl. wort … ein verletzendes wort…“. Sprachwissenschaftlich gesehen ist das Präfix ,un‘ ein Bedeutungsmorphem, genauer ein Negationsmorphem. Es bewirkt die Bedeutungsumkehr eines Wortes. Wenn man nun mit ,un‘ ein wenig experimentiert, merkt man, dass es zu einigen Worten nicht passt, zum Beispiel zu Liebe, Freude, traurig, Leid… Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass einerseits Sprache etwas sehr lebendiges ist, sich ständig verändert und dabei zwar gewisse Regeln erkennen lässt, sich jedoch natürlicherweise nicht an strenge Regeln hält. Andererseits gibt es zu einer Reihe von Wörtern andere selbstständige Wörter, die jeweils das Gegenteil bezeichnen. Beispielsweise Liebe und Hass, Freud und Leid, Glück und Trauer. Doch denkbar wäre z.B. das Wort ,unliberal‘, das es zumindest im Duden noch nicht gibt. Ich könnte mir sehr gut Argumentationen vorstellen, die neoliberale Politik als unliberal entlarven.

Nun wird im deutschsprachigen Raum seit 1991 das „Unwort des Jahres“ gekürt. Dazu gibt es eine sehr informative Internetseite, wo man genau nachlesen kann, wer vorschlägt und wer auswählt. Jeder kann Unworte des Jahres vorschlagen und die dann auswählende Jury versteht sich als unabhängig. Sie ist nach klaren Regeln zusammengesetzt und jährlich scheidet ein Mitglied aus und ein neues kommt hinzu. Diese Internetseite führt auch sämtliche Unworte des Jahres seit 1991 mit einer jeweils kurzen Beschreibung dekadenweise auf. Ich habe mir diese Übersicht sehr genau angeschaut und kann diese Aktion insgesamt nur begrüßen, weil sie angeregt, die Wortwahl im politischen Diskurs kritisch zu hinterfragen. Dabei wird in fast allen Jahren der Unwort-Wahl eine politische Haltung zu Gunsten von Demokratie und Menschenrechten sowie gegen ideologische Vernebelung und politische Verdummung erkennbar. Bevor man sich also durch irgendwelche Medien und Kommentare-Schreiber nur halb oder irreführend informieren lässt, sollte man sich einfach an die Quelle begeben.

Im Übrigen zeigte sich im Laufe der Zeit, dass bestimmte Unworte des Jahres hauptsächlich auf deutsche Politik zielten und somit in den deutschsprachigen Ländern Österreich und Schweiz nicht immer ohne weiteres nachvollzogen werden konnten. Vielleicht auch deshalb wird in Österreich seit 1999 und in der Schweiz seit 2003 jeweils ein eigenes Unwort des Jahres ermittelt. Ich habe mir auch diese Listen und Begründungen angesehen und hatte dabei den Eindruck, dass es dort weniger politisch zugeht und auch mal einfach komische Bezeichnungen ausgewählt werden.

Etwas ziemlich anderes ist die von der Nationalen Armutskonferenz (nak) am 25.02.2013 veröffentlichte „Liste der sozialen Unwörter“ . Diese Unwörter wurden nämlich von unmittelbar selbst von Armut und Ausgrenzung Betroffenen erfasst. In der entsprechenden Erklärung heißt es:

„‚Sozial Schwache‘: nak-Mitglieder sammelten irreführende und abwertende Begriffe – nak-Sprecher Thomas Beyer fordert auf, die Verbreitung von Klischees über arme Menschen zu vermeiden
Wenn es so etwas wie ein Unwort unter den Unwörtern innerhalb des sozialpolitischen Diskurses gibt, dann ist dies ’sozial Schwache‘. Die Nationale Armutskonferenz (nak) hat unter ihren Mitgliedsorganisationen eine Umfrage durchgeführt, welche Begriffe in den Medien, in der Politik und in der breiten Öffentlichkeit benutzt werden, mit denen Menschen in ihrer Lebenssituation falsch beschrieben, schlimmstenfalls sogar diskriminiert werden. Als ein solches negatives Beispiel wurde uns am häufigsten ’sozial Schwache‘ genannt.“

Hier geht es also darum, dass Menschen, die selbst arm sind, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben arg und nachhaltig beschränkt ist, sich ins Abseits gedrängt und durch bestimmte Bezeichnungen stigmatisiert und/oder herabgesetzt fühlen. Wer sich durch Langzeitarbeitslosigkeit in seiner Menschenwürde verletzt weiß und schließlich an sich selbst zweifelt, dem braucht man wohl nicht einzureden, dass Arbeitslosigkeit keine Schande und „arbeitslos“ ein ganz normales Wort sei. Miserable Zustände kann man eben nicht schönreden; nicht die Bezeichnungen müssen geändert werden, sondern die Verhältnisse, damit bestimmten Worten ihr bitterer Beigeschmack, ihre giftige Wirkung genommen werden. Man kann es drehen und wenden wie man will, in einem Gesellschaftssystem, in dem es national wie international um unerbittliche Machtkämpfe zur dauernden und unersättlichen Gewinnmaximierung geht, ohne Rücksicht auf Natur und auf naturgemäße menschliche Bedürfnisse, gibt es für die Lebensverhältnisse, für die Lebensbedingungen der nicht „verwertbaren“, der „überflüssigen“ und somit ausgestoßenen Menschen keine schönen Bezeichnungen. Schon ein die böse Wahrheit abmildernder Name wäre eine Lüge. Leider strotzt es in der Politik und in den Medien nur so von solcher verlogenen Schönrederei.

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Eine Antwort zu Unwort(e)

  1. Sabine schreibt:

    Reinhard stellt in seiner anregenden Erörterung von Unwörtern, speziell der Liste sozialer Unwörter, folgende These auf: „Miserable Zustände kann man eben nicht schönreden; nicht die Bezeichnungen müssen geändert werden, sondern die Verhältnisse, damit bestimmten Worten ihr bitterer Beigeschmack, ihre giftige Wirkung genommen werden.“ Dem kann ich nur zustimmen! Meine Frage ist allerdings: Was können Sprachkritiker tun, bis – oder besser: damit – die „Verhältnisse“ geändert werden?

    ‚Unwörter‘ überhaupt wahrzunehmen, öffentlich zu kritisieren und in ihrer menschenverachtenden Wirkung bloßzustellen, ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Liste sozialer Unwörter gibt einen Anstoß dazu, nur sind hier recht unterschiedliche Unworttypen versammelt. Sie reichen von direkter Verunglimpfung (‚Sozialschmarotzer‘), über raffiniertere Abwertungen (‚Wirtschaftsflüchtlinge‘) und Beamtendeutsch (‚Person mit Migrationshintergrund‘) bis hin zu allgemein üblichen Begriffen (‚arbeitslos‘). Das Problem in den meisten Fällen ist nicht das Wort an sich, sondern die Bedeutung, mit der es aufgeladen wird – in der unmittelbaren sozialen Erfahrung der Betroffenen und im politischen Diskurs. Und diese Umdeutungen können nur im Rede- oder Textzusammenhang des jeweiligen Wortes aufgedeckt werden.

    Wird anstelle eines sozialen Unwortes ein ‚politisch korrektes‘ oder ’neutrales‘ Wort empfohlen (ganz zu schweigen von beschönigenden Bezeichnungen), ist fraglich, ob die gewünschte Eindeutigkeit lange anhält, bevor sich wiederum Abwertungen oder Unterstellungen einschleichen. Vielmehr sollten, abhängig vom Zusammenhang, Begriffe gewählt werden, die Sachverhalte, Ursache und Wirkung klarstellen. Während z.B. mit dem Begriff ‚bildungsfern‘ der Person oder Schicht selbst ein Mangel angelastet wird, sind die Betroffenen im Erwerb von Bildung zumeist ‚benachteiligt‘, und die ’sozial Schwachen‘ sind vor allem die ’sozial Benachteiligten‘. Wichtig wäre schließlich, bei der Erörterung auch gesellschaftliche Alternativen anzusprechen, also z.B. Vorstellungen von ‚Chancengleichheit‘ im Bildungswesen und ’sozialer Gerechtigkeit‘ ins Blickfeld zu rücken.

    Mit einer solchen Herangehensweise könnten auch Sprachkritiker zur angestrebten Veränderung der Verhältnisse beitragen.

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