Shitstorm – ein Modewort

Anti-Shitstorm-Konferenz der Piraten: „Lästern war gestern, heute ist Shitstorm“ (Spiegel Online 9.9.2012) – Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main: „Der Shitstorm macht mal Pause“ (zdf 16.5.12) – „Shitstorm gegen Mr. Gutaussehend“: Modeunternehmen Abercrombie & Fitch (taz 17.5.13) – „Shitstorm im Bundestag: Politiker am Online-Pranger“ (NDR  6.7.13).

Solche Meldungen über ‚Shitstorm‘ sind inzwischen Alltag – allerdings nur in deutschen Landen. Ein Engländer würde dieses Wort kaum in den Mund nehmen. Im Englischen ist ’shitstorm‘ ein selten benutzter, vulgärer Ausdruck (vgl. englische Wikipedia). Es handelt sich bei ‚Shitstorm‘ also nicht um einen gewöhnlichen Anglizismus, sondern eher um eine deutsche Nachschöpfung bzw. einen Schein-Anglizismus (ähnlich dem ‚Handy‘).

Was aber bedeutet ‚Shitstorm‘? Die beiden Wortbestandteile (shit = Scheiße; storm = Sturm, Hagel, Gewitter) lassen sich unschwer erkennen. Eine wörtliche Übersetzung oder eine etwas ‚zivilisiertere‘ Variante wie ‚Fäkaliensturm‘ (Freitag 10.1.13, S. 24) bringt allerdings wenig – es sollte ja gerade ‚Shitstorm‘ sein! Dabei wirkt die klangliche Ähnlichkeit von ’shit‘ und ‚Schiet‘ bereits abmildernd, und der englische ‚Sound‘ des Wortes hebt noch weiter von dem ursprünglichen Sinn ab. Vor allem aber wird das Wort nicht in seiner direkten, sondern ausschließlich in übertragener Bedeutung gebraucht. Nur in welcher genau? Hier liegt das eigentliche Problem.

Der Duden bietet eine etwas umständliche Definition: „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Im Anglizismenindex ist „Empörungswelle, (öffentlicher) Entrüstungssturm (im Internet)“ zu finden. Bereits die kurze Auswahl von Zitaten oben zeigt aber, wie vielfältig die Zusammenhänge des Wortgebrauchs – die jeweiligen Situationen, Aktionen und deren Wirkungen – tatsächlich sind. In den näheren Beschreibungen des betreffenden ‚Shitstorm‘ finden sich dann auch die entsprechenden deutschen Wörter und Wendungen – hier sind ein paar Beispiele (Bezüge zu Shitstorm kursiv hervorgehoben):

„Manche Piraten sind Experten in Spott und Beleidigung, schießen öffentlich gegen Parteifreunde, nehmen sich auf Mailinglisten und Twitter Vorständler wie einfache Provinzpiraten vor. Zuletzt ergoss sich die Häme über einem Leipziger Piraten…“ (Spiegel Online 9.9.12). „Was als einzelner, gehässiger Kommentar beginnt, kann sich in Windeseile zur virtuellen Mobbingwelle entwickeln, die ins Unsachliche und persönlich Beleidigende abgleitet“ (Freitag 10.1.13, S.24). „Der Groll der Internet-Community, Hassattacken und Schmähungen übelster Art gehören mittlerweile zum Alltag vieler Politiker. Panorama zeigt die Folgen des Politiker-Mobbings im Internet“ (ndr 6.7.12).

An treffenden und wirksamen Ausdrücken anstelle von ‚Shitstorm‘ fehlt es also nicht. Und geradezu absurd ist der zunehmend inflationäre Gebrauch dieses Wortes: Jede kleine Empörungsäußerung wird schon als Shitstorm bezeichnet (vgl. Lobo in Wikipedia), und für alle möglichen Formen des Protests wird er benutzt – in Situationen, wo ‚Kritikhagel‘ oder ‚Protestwelle‘ besser passen würden (Freitag v. 10.1.13, S. 24). ‚Shitstorm‘ scheint also ebenso entbehrlich wie es viele andere Modewörter sind!

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2 Antworten zu Shitstorm – ein Modewort

  1. John schreibt:

    Der „Shitstorm“, der in deutschen Medien sein Unwesen treibt, ist mir in der britischen Presse, die ich täglich verfolge, noch nie begegnet, auch nicht auf der umfangreichen Homepage der britischen Nachrichtenagentur BBC. Es gibt zwar „Oh shit – oh blast!“ (ähnlich dem deutschen „Scheiße – verdammt!“), auch „bullshit!“ („Quatsch!“). Aber „shitstorm“, wie z.Z. im Deutschen verwendet, käme im Gespräch mit Engländern schlecht an – im Unterschied zu harmloseren Scheinanglizismen, die Engländer wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würden.

    „Shitstorm“ ist für mich, ob aus deutscher oder englischer Sicht, eine zweifelhafte Erfindung von jemandem mit zu viel ungesunder Fantasie. Also ich empfehle: darauf verzichten!

  2. Pingback: Video über 'falsche' Anglizismen | AngliLupe

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