Share economy : Wirtschaft des Teilens und Tauschens

Als Alternative zum Massenkonsum, zum Kaufrausch wider den persönlichen Bedarf, wird es zunehmend reiz- und sinnvoll, Begehrtes im Tausch zu erwerben oder Notwendiges gemeinschaftlich zu nutzen. Ob das Modeartikel aus zweiter Hand für den individuellen Stil, Auto oder Fahrrad für den gelegentlichen Gebrauch, Musik oder Wohnungen für wechselnde Nutzer sind – ‚teilen und tauschen‘ ist zunehmend angesagt. Zwei Begriffe markieren diesen Trend: ‚collaborative consumption‘ und ’share economy‘.

Mit ‚collaborative consumption‘ ist die gemeinschaftliche Nutzung von Waren und Dienstleistungen gemeint. Dieser Begriff kommt aus der amerikanischen Verhaltensforschung. Besonders in der jüngeren Generation, auch hierzulande, finden sich Menschen, die nicht viel für Besitz und Status übrig haben, aber dennoch auf das, was die Konsumwelt bietet, nicht verzichten wollen. Stimuliert wird dieses Interesse durch soziale Medien und Netzwerke, verwirklicht wird es über wirtschaftliche Prozesse des Teilen und Tauschen – die Grundidee der ’share economy‘.

Ursprünglich bezieht sich ’share economy‘ auf die These, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. Mit dem Internet hat der Begriff eine neue Bedeutung erlangt: Inhalte und Wissen werden von den Teilnehmern nicht nur empfangen, sondern auch weiterverbreitet. Vor allem dank neuer Kommunikationstechniken, mit Plattformen im Internet und mobilen Endgeräten in der Hand der Nutzer, ist ein neues wirtschaftliches Modell entstanden: Gebrauchsgüter werden gemeinsam erworben oder benutzt oder untereinander verliehen. Die CeBIT machte „Shareconomy“ 2013 zu ihrem Leitthema.

Die beiden Schlüsselbegriffe werden in deutschen Medien oft gar nicht oder nur unzureichend übersetzt. Das hat auch mit den Tücken der jeweiligen wörtlichen Entsprechungen zu tun:

# Für ‚collaborative consumption‘ sollte man keinesfalls „kollaborative Konsumtion“ sagen. Das Wort ‚kollaborieren‘ (aus frz./en. collaborer/collaborate ‚mitarbeiten‘) bedeutet in unserem Sprachgebrauch ‚zusammenarbeiten mit dem Feind‘. Das englische Wort ‚collaborative‘ kann dies ebenfalls bedeuten, heißt aber in erster Linie ‚gemeinschaftlich‘ im Zusammenhang mit Arbeit und anderen Tätigkeiten. Nicht weniger irreführend ist ‚Konsumtion‘ – es wird im Deutschen als Gegenstück von ‚Produktion‘ verwendet, während  der englische Begriff ‚consumption‘ vor allem mit ‚Konsum‘ oder ‚Verbrauch‘ übersetzt wird. Die Bedeutung von ‚consumption‘ ist aber noch viel breiter: sie schließt das Nutzen von Dingen, das Verzehren von Nahrung, das Kaufen und Verwenden von Waren ein (vgl. Oxford  Advanced Learner’s Dictionary). Und darum geht es ja bei dem Trend der ‚gemeinschaftlichen Nutzung‘.

# Für ’share economy‘ finden sich in deutschen Texten u.a. ‚Tauschwirtschaft‘ und ‚Ökonomie des Teilens‘. Die Übersetzung mit ‚Wirtschaft‘ bietet sich an, zumal es hier um praktische Prozesse und nicht vorrangig um eine wirtschaftswissenschaftliche Kategorie geht. Komplizierter ist es, eine deutsche Entsprechung für ’share‘ zu finden. Im Internet bzw. in den Medien wird dafür zwar schon das Wort ‚teilen‘ verwendet, aber eigentlich und eindeutig müsste es heißen ‚mit jemanden etwas teilen‘ oder ‚sich etwas (gemeinsam) teilen‘, denn ‚teilen‘ allein heißt vor allem ‚in Teile zerlegen‘ (wie im Englischen ‚divide‘). In jedem Falle aber bringt das deutsche Verb ‚teilen‘ sprachlich zu wenig von der ’share economy‘ herüber. Sinnvoller ist es daher, die verschiedenen Prozesse (‚teilen‘, ‚tauschen‘, leihen) zu bezeichnen und z.B. von einer ‚Wirtschaft des Teilens und Tauschens‘ zu sprechen.

Wie immer wir die beiden Schlüsselbegriffe sprachlich ausdeuten mögen, sie vermitteln das Bild einer gemeinschaftlichen Nutzung und Teilhabe von Gütern – als Alternative zur global herrschenden Konsumwelt und Profitwirtschaft. Wenig deutet hingegen darauf hin, dass aus diesen sozialen Impulsen (Motive des Teilens und des Kontakts mit anderen Menschen) zunehmend ein Geschäft wird. Viele Modelle befassen sich inzwischen mit der Organisation des Teilens. Es gibt zahlreiche Konzepte, die Unternehmensbesitz wechselnden Nutzern zur Verfügung stellen. Und große Tauschportale wie eBay beherrschen bereits den Markt.

Wie die Geschäftsideen sprießen, lässt sich auch aus sprachlicher Sicht beobachten. Die gemeinschaftliche Nutzung von Autos – ‚carsharing‘ – ist durch den Einsatz von Informationstechnologie revolutioniert worden. „Car2Go“ (‚car-to-go‘: Auto auf Abruf) und „Drive-Now“ (fahr jetzt) sind die bekanntesten Modelle. Nicht minder präsent ist die mobile Fahrradvermietung der Deutschen Bahn AG – „Call a bike“. Und Tauschwohnungen sind bei „9flats“ im Angebot. Es gibt auch viele kleinere Initiativen, darunter einige mit deutschen Wortschöpfungen: „Kleiderkreisel“ heißt ein Portal für den Tausch von Modeartikeln, und „leihdirwas“ nennt sich eine Verleihbörse im Internet. Werden bei den Geschäften auf diesem bunten Markt gemeinschaftliche Interessen aufgegriffen oder suggeriert? Das wird nicht leicht zu beantworten sein.

Quellen:

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4 Antworten zu Share economy : Wirtschaft des Teilens und Tauschens

  1. Klaus schreibt:

    Die genannten Beispiele sind überwiegend schon ziemlich kommerzielle Varianten des Teilens. Ich nenne mal als ein alternativeres Beispiel den Leihladen „Leila“ in Berlin, auf dessen Website http://www.leila-berlin.de/ sich auch Verweise zu verwandten Initiativen finden.
    Die Gefahr der kommerziellen Anverwandlung ist im Artikel ja schon angesprochen. Insofern sage ich hier nichts Neues. Die Frage ist natürlich, ob und warum es sich um eine Gefahr handelt. Eine Rolle wird natürlich spielen, ob die Nutzer in einem Projekt das Sagen haben – und natürlich, wer am Ende profitiert. Danach wird man sehen, ob der Artikel unter Alternativen richtig eingeordnat ist.

  2. Gunter Kramp schreibt:

    Auf Telepolis ist ein meine ich ganz interessanter Artikel über Share Economy erschienen:
    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39532/1.html

    Ich finde ihn vor allem interessant weil mit den Beispielen Airbnb und Couchsurfing zwei Varianten dieser ShareÖkonomie
    diskutiert werden, die zwar unterschiedliche weit, aber eben doch deutlich kommerzialisiert sind. (Im Gegensatz etwa zu
    hospitality club).
    Gleichzeitig deutet die Autorin den behördlichen Widerstand gegen solche Geschäftsmodelle als rein durch die Lobby der
    klassischen Konkurrenz (z.B. Hotels) motiviert.
    Obwohl in Städten wie Berlin die Möglichkeit, über Portale wie Airbnb die eigene Wohnung gewinnbringend zu vermieten
    tatsächlich schon längst die Mieten nach oben treibt.

    Damit gäbe der Artikel eine spannende Diskussionsgrundlage ab über Fragen wie:

    Gibt es ein emanzipatorisches Potential in „Share Economy“ ?
    Worin liegt es ?

    Ist die Beschränkung solcher Modelle eigentlich wirklich reaktionär, oder nicht vielmehr auch ein Schutz der „sozialen
    Marktwirtschaft“ vor neoliberaler Flexibilisierung ? (Statt formaler Vermietung in Hotels informelle Selbstausbeutung ?)

    Sind die Kämpfe die es um diese Modelle gibt, tatsächlich ein Vorbote der Kämpfe die sich ergäben wenn andere wirkliche
    emanzipatorische, Commons-basierte Modelle sich verbreiten?

    Viel Spaß also beim Lesen und denken!

  3. Zunächst vielen Dank für die Erwähnung!
    Sehr interessant fand ich zum Thema Share Economy die Ausgabe 5/2013 der Brand Eins – mit dem Titel: Greif zu! Dort werden verschiedene Aspekte, wie immer mit hervorragender journalistischer Aufbereitung, angesprochen…

  4. Pingback: ‘Sharing’ ist der neue Trend | AngliLupe

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