Big Data – Big Brother?

Was ‚Big Data‘ bedeuten kann, haben uns die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über den amerikanischen Geheimdienst NSA erschreckend vor Augen geführt: eine unvorstellbare Masse an Daten, die zum Ausspähen von Bürgern weltweit durchforstet wird. Unwillkürlich verbindet sich diese Vorstellung mit ‚Big Brother‘, dem ‚Großen Bruder‘, der zum allgemeingültigen Begriff für Überwachungsszenarien geworden ist. „Big Brother is watching you“ – so hieß die allgegenwärtige Losung des Staates Ozeanien, geprägt in George Orwells Roman „1984“.

Doch ‚Big Data‘ steht für ein viel umfassenderes Phänomen: die Sammlung und Auswertung gewaltiger Datenmengen in allen Lebensbereichen – von der Wissenschaft über Wirtschaft und Verwaltung bis hin zu Dienstleistungen und Kultur. ‚Big Data‘ ist in diesem Verständnis ein Fachbegriff – das zeigt der detaillierte Artikel in der englischen Wikipedia, aber auch der Eintrag in der deutschen Wikipedia, der den Begriff mit „besonders große Datensammlungen“ umschreibt. Es sei hervorgehoben, dass in beiden Wikipedia-Beiträgen die fachlich-wissenschaftliche Erörterung im Mittelpunkt steht und kein Bezug zu ‚Big Brother‘ auftaucht; nur auf die „Möglichkeiten des informationellen Machtmissbrauchs“ wird kurz verwiesen.

Das Besondere und auch Problematische an ‚Big Data‘ sind die neuartigen Verarbeitungstechniken, mit denen Milliarden von Daten unterschiedlicher Herkunft verknüpft und korreliert, also miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das geschieht durch mathematische Verfahren (Algorithmen), die die Daten nach Mustern durchsuchen, die mögliche Zusammenhänge und Entwicklungsrichtungen aufzeigen. Das sind rein quantitative Analysen, auch als ‚Data-Mining‘ (wörtlich: ‚Daten aus dem Berg fördern‘) bezeichnet – sie berücksichtigen weder Ursachen noch Folgen. Alles hängt daher vom Umgang mit den Ergebnissen ab.

Genau diese Fragen sind der Aufhänger für die gegenwärtige kritische Debatte um ‚Big Data‘ in deutschen Medien. Verwiesen wird nicht nur auf Anwendungen durch Geheimdienste, sondern auch auf die Kreativität, mit der immer mehr Unternehmen weltweit gehandelte  persönliche Daten für ungeahnte Zwecke analysieren. Besondere Risiken birgt dabei die Verheißung, mittels Analyse großer Datenmengen zukünftige Trends voraussagen zu können, und zwar in allen Lebenslagen, ob bei Kundenwünschen, Verbrechensbekämpfung oder Heilungschancen.

Die Massendatenanalyse ist somit auf eine Steuerung unserer Zukunft gerichtet, sie kann aber Ereignisse und Handlungen nur als statistische Wahrscheinlichkeit voraussagen, sie ist ohne Kausalität und Verantwortung. Besonders in diesem Punkt, so wird auch von Wissenschaftlern argumentiert, lauern die Gefahren des Missbrauchs. Insofern haftet ‚Big Data‘ eine heimliche Bedrohung an, die weit über die angestrebte ‚totale Kontrolle‘ bei ‚Big Brother‘ hinausreicht. Besonders in der politischen Diskussion wird daher der Begriff ‚Big Data‘ mit der Bedeutung von ‚Big Brother‘ aufgeladen bzw. als dessen Nachfolger betrachtet, etwa in dem Sinne: ‚Big Brother‘ war gestern – heute haben wir ‚Big Data‘.

Quellen:

  • A-Z 1984. In Der Freitag v. 11.7.2013
  • Big data/Big Data. In Wikipedia (englische/deutsche Ausgabe)
  • Das digitale Ich. Doku in 3SAT v. 5.6.2013
  • Das neue Zeitalter ist das von Big Data (v. Arno Widmann). In Berliner Zeitung v. 27./28.7.2013
  • Der Verdacht trifft alle (v. Christian Schlüter). In Berliner Zeitung v. 10./11.8.2013
  • Die gesteuerte Zukunft. In Der Spiegel Nr. 20/2013
  • Ein Bild aus tausend Spuren (v. Stefan Schmitt). In Die Zeit Nr. 32/2013
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3 Antworten zu Big Data – Big Brother?

  1. Stephan schreibt:

    Vielen Dank fuer den klugen Beitrag. Ich stimme mit Sabine ueberein, dass die Tatsache, dass Daten in grossem Umfang gesammelt werden, Gefahren des Missbrauchs birgt. Und natuerlich kann man die systematische Datenerhebung als Versuch deuten, Kontrolle ueber Buerger auszuueben. Allerdings moechte ich darauf hinweisen, dass zumindest in Demokratien ein Rechtfertigungsdruck besteht. Das heisst, so ganz ohne Begruendung koennen diese Daten nicht erhoben werden. Und wenn beispielsweise dank Datenerhebung Anschlaege vereitelt werden koennen, dann ist das im Sinne ganz unmittelbarer Sicherheit natuerlich ein Plus. Ich sehe beispielsweise zwischen diesem Verwendungszusammenhang und einer Datensammlung zum reinen Machterhalt von Eliten einen wesentlichen Unterschied. Natuerlich ist das in der Privatwirtschaft etwas anders, da hier das Privatinteresse im Vordergrund steht. Aber auch hier gibt es gewisse Regeln, die rechtlich verankert sind. So duerfen Unternehmen zwar zielgenau werben, aber letztlich bleibt es dem Konsumenten ueberlassen, ob er oder sie eine Kaufentscheidung trifft. Spielen Unternehmen mit falschen Karten hat das rechtliche Konsequenzen. Und schliesslich koennen sich auch Arbeitgeber nicht alles erlauben. Selbst wenn sie Background-Checks durchfuehren, steht immer der Verdacht der Diskriminierung, falls Bewerber trotz besserer Qualifikation nicht in Betracht gezogen werden. Nicht umsonst ist es beispielsweise nicht erlaubt in den USA das Geburtsdatum bei Bewerbungen zu nennen. Natuerlich finden Missbrauch, Taeuschung und Diskriminierung dank Big Data weiterhin statt, aber aus Big Data wird erst Big Brother, wenn Demokratie und Rechtsstaat effektiv versagen. In jedem Fall allerdings erfordert das digitale Zeitalter ’smart citizens‘, die wissen, sich zu schuetzen und im Ernstfall zu wehren, die aber auch Recht und Gesetz ein gewisses Vertrauen entgegen bringen und einschaetzen koennen, dass die Gefahr nicht in der Datenerhebung, sondern der unrechtmaessigen -verwendung liegt, gegen die man aber vorgehen kann.

    • Ortwin schreibt:

      Was Stephan über die rechtlichen Rahmenrichtlinien bei Betrugsversuchen sagt, mag ja alles stimmen, aber recht haben und Recht bekommen sind eben zwei Paar Stiefel. (Nicht umsonst habe ich „recht haben“ klein und „Recht bekommen“ groß geschrieben.) Ob Stephans Stellungnahme also nicht doch etwas zu arglos ausgefallen ist? Soweit zu dem, was zur Privatwirtschaft gesagt wird.
      Was die staatlichen Institutionen betrifft, so wäre hier durchaus mehr Misstrauen angebracht. Wer sagt denn, dass immer ein Anschlag vereitelt wurde, wenn dies von Regierungsseite behauptet wird. Die sorgt schon dafür, dass wir da überhaupt nichts nachprüfen können. Und wenn im Zusammenhang mit einer solchen Behauptung jemand verhaftet wird, wer sagt denn, dass dies nicht abgekartetes Spiel war, das sehr gut dem Zweck dient, die Leute in Angst und Schrecken zu halten, um in Folge dessen Überwachungsmaßnahmen ausdehnen und verstetigen zu können (siehe hierzu den Artikel „Abhöraffäre“).

  2. Sprach-AG schreibt:

    Hat ‚Big Data‘ Chancen, als Anglizismus des Jahres 2013 gekürt zu werden? Eine interessante Analyse dazu ist im Lexikographieblog erschienen, vor allem unter dem Aspekt, welche Spuren ‚Big Data‘ in der deutschen Sprache hinterlassen hat (http://lexikographieblog.wordpress.com/2014/01/08/big-data-kandidat-zum-anglizismus-des-jahres-2013/).

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