Sprachliche Eindrücke vom Wahlkampf

Blickt man auf den jüngsten Wahlkampf zurück, bleibt außer der inhaltlichen Debatte vor allem die mediale Revue der körperlichen Gestik der Kandidaten im Gedächtnis. Viel weniger auffällig, aber um so aufschlussreicher sind jedoch die sprachlichen Mittel, die in Reden, auf Plakaten und in Werbespots ihre Wirkung entfalteten. Im folgenden Beitrag wollen wir auf einige interessante Analysen zu sprachlichen Aspekten des Wahlkampfes hinweisen.

SPIEGEL Online hat ein Video über die Sprache von Angela Merkel und Peer Steinbrück veröffentlicht, das in Kooperation mit dem Dresden Center for Digital Linguistics und der Forschergruppe semtracks entstand. Die Analyse einer Vielzahl von Reden der beiden Kandidaten hat zu überraschenden Ergebnissen geführt, die im Video kurz und einprägsam vorgestellt werden. Zum Beispiel wird deutlich, dass sich die zunächst komplexen Formulierungen von Peer Steinbrück, mit Schachtelsätzen und vielen Zahlen, allmählich der schlichten Ausdrucksweise von Angela Merkel angenähert haben. Ein Vergleich der häufigsten Adjektive zeigt allerdings, dass Peer Steinbrück vor allem Begriffe aus Politik und Verwaltung wählt, während Angela Merkel eher Gefühle anspricht und am meisten das Wort ‚gemeinsam‘ verwendet – zweifellos im Bezug zur Losung der CDU „gemeinsam erfolgreich“. Ebenfalls kennzeichnend für ihren Redestil sind abwägende  Aussagen – immer um Balance der verschiedenen politischen Positionen bemüht. (1)

Interessant ist auch ein Vergleich der Werbespots von CDU/CSU und SPD, nachzulesen im Blog polittrend.de. Vor allem geht es hier um den Zusammenhang von „Körpersprache, Mimik, Intonation und Wortgebrauch“. Im Fazit: „Beide Parteien versuchen durch Emotionalität eine Vielzahl von Wählern anzusprechen, doch die Art und Weise der Umsetzung dieser Zielsetzung ist different. Die CDU will sich in ihrem Wahlwerbespot die Popularität von Angela Merkel und mögliche Verbundenheit zur agierenden Bundeskanzlerin zu nutzen machen. Mit emotional stark wirkenden Adjektiven spricht Angela Merkel über die Zukunft Deutschlands. Im Gegensatz zur CDU nimmt sich der Kanzlerkandidat der SPD zurück und lässt die Bevölkerung für sich sprechen. Die Emotionalität dieses Werbespots liegt in seinem Identifikationspotenzial begründet.“ Außerdem wird im Fazit festgestellt, dass beide Parteien die „Wirkungskraft des Personalpronomens ‚Wir'“ nutzen. „Gemeinsam haben die beiden Spots weiterhin die unkonkreten Aussagen der Kandidaten, die beide Werbespots neutral erscheinen lassen.“(2)

Die Wahlplakate der Parteien reizten zu vergleichenden Analysen, u.a. auf dem Blog zeitgeistlos.de. Der besondere Gestaltungsstil der Grünen z.B. gab hier Anlass zu folgendem Kommentar: „Die direkte Anrede ‚Und Du?‘ wirkt auf mich seltsam befremdlich. Soll ich mich den Grünen verbunden fühlen, wenn ich diese Ansicht teile? Warum werde ich geduzt? Sind die Grünen, deren Wähler seit langem mehr verdienen, als die der FDP, etwa meine Kumpels? Oder soll das vermeintlich witzig-anarchohafte an die alte Sponti-Zeit erinnern? Frei nach dem Motto: die Grünen seien sich treu geblieben? Zwar angepasst, zu jeder Schandtat und Regierungsbeteiligung bereit, aber dennoch irgendwie rebellisch?“(3)

Aufsehen erregten auch die ‚Themenplakate‚ der Linken, die im Unterschied zu den bunten Angeboten anderer Parteien auf Texte in Schwarz-Weiß setzten. So heißt es im Blog polittrend.de: „Die Plakate der Linken lassen sich auf den ersten Blick leicht mit Werbung für die BILD-Zeitung verwechseln. Schlagzeilenartig werden die Programmpunkte in schwarzen dicken Lettern auf weißen Grund gedruckt und mit dem roten Parteilogo versehen. Damit nutzt die Linke den von der BILD ebenfalls genutzten Hinguck Effekt. Denn, auch wenn es keiner zugeben will, schaffen es nur wenige Menschen an einer BILD-Zeitung vorüberzugehen, ohne wenigstens eine Schlagzeile gelesen zu haben. Auch das freche, kompromisslose Wir-machen-was-wir-wollen-Image der BILD soll damit auf die Linke übertragen werden.“(4) Und im Vergleich zur SPD wird resümiert: „Während die SPD versucht, durch Neutralität und Emotionalität eine breite Bevölkerung anzusprechen, will die Linke aufstacheln und einen jungen alternativen Wählerkreis an sich binden. Dabei wird die Uneinheitlichkeit der Syntax als Mittel zur Darstellung von Alternativität genutzt.“(ebenda)

Abschließend sei auf eine besondere Art von Wähler verwiesen: den ‚Protestwähler‚, der im Neusprechblog als „abwertender Ausdruck für Menschen, die keine der ‚etablierten‘ Parteien wählen“, erörtert wird (5).  Bei der Bundestagswahl hat die AfD (Alternative für Deutschland) besonders stark von ‚Protestwählern‘ profitiert und ist nun bestrebt, sie an sich zu binden. Die AfD selbst sieht sich allerdings keinesfalls als ‚Protestpartei‘; vielmehr hat Gründungsmitglied Bernd Lucke die AfD nach der Bundestagswahl bereits zur ‚Volkspartei‘ ausgerufen. (6)

Übrigens, die „Wahlkampfsprache 2013“ war das Thema einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik, die vom 3. bis 4. September 2013 an der Universität Münster stattfand und auf einen interessanten Tagungsband hoffen lässt. (7)

Quellen:
(1) Reden von Merkel und Steinbrück: Die Sprache der Macht – in Spiegel Online v. 19.09.2013 [Link]. Die ausführliche Analyse, auf der das Video beruht, findet sich im Blog politiktrend.de [Link]
(2) Die TV-Werbespots der CDU und SPD im Vergleich – von Anna-Sophie Meyer, 15.09.2013 im Blog polittrend.de [Link]
(3) Wahlplakate 2013. Teil 4: Die Grünen – von epikur auf Blog zeitgeistlos.de [Link]
(4) Kuschelkurs gegen Kampfschreie: Die Wahlplakate der SPD und der Linken im Vergleich – von Leroy Buchholz, 10.09.2013 im Blog polittrend.de [Link]
(5) Protestwähler – von Kai Biermann, 24.09.2013 im Blog neusprech.org [Link]
(6) Zukunft der AfD: Wie man die Unzufriedenen an sich bindet – von Antonie Rietzschel, 28.09.2013 auf Süddeutsche.de [Link]
(7) Tagung der Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik: Wahlkampfsprache 2013 [Link]

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Eine Antwort zu Sprachliche Eindrücke vom Wahlkampf

  1. Stephan schreibt:

    Sehr interessant, Wobei ich auf eine weitere Fassette aufmerksam machen will: Wahlkampagnen sind zunehmend professionalisiert. Und vieles wird an spezialisierte Agenturen outgesourct. Das heisst, vieles, was wir medial an Stil- und Sprachmitteln wahrnehmen, ist auch Produkt professioneller Vermarktung. Etwa die Betonung von ‚wir‘ und ‚gemeinsam‘ geht garantiert auch auf Vorschlaege und Praktiken der Werbe-/Kampagnenagenturen zurueck. Daher wirken die Kampagnen (und Plakate) vieler Parteien auch so aehnlich. Ein recht lustiges Beispiel dafuer ist die Verwendung derselben Videosequenz einer gluecklichen, Fahrrad fahrenden Familie in einem Wahlwerbespot der FDP, der NPD und einer finnischen Quarkwerbung. Hierzu ein Artikel der Sueddeutschen: http://www.sueddeutsche.de/politik/wahlwerbespots-von-npd-und-fdp-liberal-rechtsextrem-und-ziemlich-im-quark-1.1756034 Urheber der Video-Sequenz ist offenbar eine Firma aus Slowenien. Das Beispiel ist natuerlich extrem, aber ich glaube durchaus, dass sowohl CDU als auch SPD und die Gruenen mit Werbeagenturen (und auch Redenschreibern) zusammenarbeiten, die Erfahrung mit etlichen Klienten haben… Also man muesste etwas konkreter wissen woher einzelne Ideen (etwa der SPD-Slogan: „Das WIR entscheidet,“) kommen – garantiert nicht von Peer Steinbrueck! 😉

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