„Der Krieg zwischen Alt und Jung“ – ein Polit-Märchen

Seitdem die Rentenpläne der Großen Koalition vorliegen, ist wieder vom „Krieg der Generationen“ die Rede. Dieser Debatte ist ein anregender Artikel von Ulrike Baureithel (1) gewidmet, der nicht nur die politischen Reizworte erörtert, sondern auch auf ein wirksames Mittel der Vernebelung aufmerksam macht: das „Polit-Märchen“. Wovon handelt dieses Märchen, und was kann es bewirken?

Die öffentliche Kritik hängt sich vor allem an der Rente mit 63 und der geplanten Mindestrente für Geringverdiener auf. „Kapitaler Fehler“ ruft der BDA für das Unternehmerlager. Eine abschlagfreie Rente für 63-jährige Facharbeiter, die gerade jetzt so dringend gebraucht werden? Eine Mindestrente für „Langzeitfaule“? Und das alles auf dem Rücken künftiger Generationen? Mit derlei Argumenten wird wieder das alte Lied von einer „Verschwörung der Alten gegen die Jungen“ angestimmt. Und dazu gehören Stimmungsbilder etwa von der Generation 50plus, die „ihre Muskeln spielen lässt“, weil die Älteren in der Mehrheit und ihnen die Jungen schlicht egal sind, und von „menschenleeren Landstrichen“, aus denen sich die Jugend absetzt, dorthin, wo sie weniger Alte zu verköstigen hat. (Zitate vgl. 1)

Tatsächlich geht es in dem angeblichen Generationenstreit vor allem um Interessen, die nichts mit Jung- oder Altsein zu tun haben. Auseinandersetzungen um Arbeitskräftemangel, Langzeitarbeitslosigkeit, Sozial- und Regionalpolitik spielen hinein. Doch grundlegend ist das Desinteresse der Reichen, für die Armen aufzukommen – ein Merkmal der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Und da sich die SPD kampflos von ihrem Plan verabschiedet hat, auch diejenigen zur Kasse zu bitten, die sich bislang der sogenannten Generationenverantwortung entzogen haben, findet die Umverteilung immer nur innerhalb der hart umkämpften Rentenkasse und nicht gesamtgesellschaftlich statt.

Der Krieg zwischen Alt und Jung, so wird im zitierten Artikel resümiert, ist also ein billiges „Polit-Märchen“. In ähnlichem Sinne ist von „Generationenlüge“ und „Scheingefecht“ die Rede (vgl. 1). Gemeint ist also etwas Erfundenes, Unwahres, das Stimmungen erzeugen und wahre Hintergründe verdecken soll. Interessanterweise taucht auch in anderen Verlautbarungen zu den Rentenplänen das Bild vom „Märchen“ auf, allerdings aus unterschiedlicher Sicht. Nur zwei Beispiele: „Das Märchen von der Rente: Wie die Politik die Rentenkasse plündert“ heißt eine Sendung des SWR (2), in der befürchtet wird, dass die „Rentengeschenke“ der Großen Koalition „die jüngere Generation in den Ruin treiben“. Mit dem „Märchen“ ist hier das ursprüngliche Versprechen gemeint, dass dank gut gefüllter Rentenkasse die Arbeitnehmer ab diesem Jahr weniger Beiträge zahlen würden. Und in einer Pressemeldung der FDP Baden-Wuerttemberg (3) steht: „Die in der Koalitionsvereinbarung von Union und SPD postulierte Generationengerechtigkeit entpuppt sich beim Nachrechnen als Märchen“, ohne dass hierzu Näheres erörtert wird.

Was ist all diesen Äußerungen gemeinsam? Sogenannte Märchen werden jeweils bei der politischen Gegenseite ausgemacht, und deren Argumente werden mit dieser Bezeichnung entblößt und entwertet. Worin allerdings das jeweilige Märchen besteht, wird nur angedeutet, kaum ausgeführt. Man erkennt zwar das bekannte Muster von „Gut“ und „Böse“, aber eigentlich sind Märchen ja viel mehr: von wundersamen Begebenheiten wird erzählt; es gibt einen Helden (oft eine vordergründig schwache Figur), der Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muss; und am Ende wird das Gute belohnt und das Böse bestraft (4).

Märchen in diesem eigentlichen Sinne können jedoch ein reizvolles Stilmittel in politischen Texten sein. Hier sei auf zwei Beispiele zu angrenzenden Themen verwiesen. Auf dem Höhepunkt der Konflikte um Griechenland setzte sich Stephan Kaufmann mit den kursierenden Geschichten zur griechischen Krise auseinander. „Europa muss sein Sorgenkind erziehen oder es aus dem Euro werfen“ – so war gemeinhin zu hören. Er erzählt ausführlich das „Märchen von den Griechen“ und geht den Argumenten um „Lüge“, „Sorge“, „Vertrauen“, Rettung“ und „Strafe“ auf den Grund (5). Einen anderen Ansatz wählt Ingo Schulze in seiner poetischen Analyse der „marktkonformen Demokratie“. Er erzählt das bekannte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ – als Parabel auf die Bereitschaft der Menschen zum Selbstbetrug. So vermag er Erfahrungen unserer Gesellschaft ins Bild zu setzen und zu deuten. Dabei benennt er die Ursachen von Demokratieverlust, sozialer Polarisierung und Ungerechtigkeit auf unterhaltsame und eindringliche Weise (6).

Quellen:

(1) „Die Generationen-Lüge“ v. Ulrike Baureithel in der Freitag v. 23.1.14 [Link]
(2) „Das Märchen von der Rente: Wie die Politik die Rentenkasse plündert“. Sendung v. 9.1.14, SWR Fernsehen in Baden-Württemberg [Link]
(3) „Meldung der FDP-BW“ auf FDP Baden-Württemberg Mobil v. 4.12.14 [Link]
(4) „Märchen“ in Wikipedia [Link]
(5) „Euro-Krise: Das Märchen von den Griechen“ v.  Stephan Kaufmann in der Freitag v. 5.9.12 [Link]
(6) „Unsere schönen neuen Kleider: Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“ v. Ingo Schulze. Hanser Berlin 2012 (vgl. dazu: Beitrag in „Nachdenkseiten“ mit Text der ursprünglichen Rede von Ingo Schulze [Link])

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