Organizing – eine gewerkschaftliche Initiative

Detlef Wetzel, der neue Vorsitzende der IG Metall, vertritt das sogenannte ‚Organizing‘-Konzept. Das bedeutet: die Mitglieder und Beschäftigten in den Betrieben für ihre eigenen Interessen zu aktivieren, um die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit und die Mitgliederbasis zu stärken (1)/(2). Was ist der Hintergrund für dieses Konzept, und weshalb wird es ‚Organizing‘ genannt?

Die negative Mitgliederentwicklung der IG Metall hat über viele Jahre zu einem Verlust von Ressourcen und damit von Handlungs- und Durchsetzungskraft geführt. Einzelne Unternehmen verlassen die Tarifbindung, und mit Leiharbeit und Werkverträgen sind ganze Branchen entstanden, in denen prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne Normalität, Gewerkschaft und Mitbestimmung aber Fremdworte sind. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, um vor allem aus der Defensive der Sozialpläne und Abwehrkämpfe herauskommen, entwarf eine Gewerkschaftergruppe um Detlef Wetzel 2008 eine mitgliederorientierte Offensivstrategie für die IG Metall (2).  In einzelnen Projekten wurde dieses Konzept bereits erprobt, z.B. für die Mobilisierung von Mitgliedern in der Windkraftindustrie, um dort erste Tarifverträge zu erkämpfen (3).

Das Vorbild für diese Initiative sind US-Gewerkschaften, die im Umgang mit ‚turbokapitalistischen‘ Arbeitsmarktverhältnissen einen großen Erfahrungsvorsprung haben. Organisationen wie die Dienstleistungsgewerkschaft SEIU setzen seit den Neunzigern auf das in der Bürgerrechtsbewegung entstandene Konzept des ‚Organizing‘. Begleitet von geschulten ‚Organizern‘ werden Bewohner eines Stadtviertels oder Beschäftigte eines Betriebes dafür fit gemacht, für ihre eigenen Interessen einzutreten (1). ‚Organizing‘ besteht damit nicht nur aus einem Methodensatz zur Mitgliederwerbung, sondern mit ihm werden systematisch geplante und durchorganisierte Feldzüge geführt: Kampagnen (2).

Natürlich geht es in der Initiative der IG Metall nicht um eine 1:1-Übernahme des ‚Organizing‘ amerikanischer Prägung, sondern eher um eine mitglieder-, konflikt- und beteiligungsorientierte Kampagnenführung (2). Wie das im einzelnen umsetzbar ist, welche politische Problematik selbst in dieser Strategie steckt, soll hier nicht weiter erörtert werden. Vielmehr interessiert uns, wie der gewählte Leitbegriff des ‚Organizing‘ zu dieser Initiative passt. In diesem Fall geht es nicht um ein beliebiges englisches Wort, das im Deutschen entlehnt wird, sondern um einen Begriff, der bereits im amerikanischen Gebrauch eine spezielle Bedeutung hat. Insofern liegt es nahe, die Idee zusammen mit dem Begriff einzuführen und dabei auch die Popularität von Anglizismen zu nutzen, um der Initiative einen treffenden und zugleich attraktiven Namen zu verleihen. Ein sprachlicher Vorzug von ‚Organizing‘ ist außerdem die englische ‚ing‘-Form, die den Tatbestand und zugleich Prozess des ‚Organisierens‘ ausdrücken kann. Im Deutschen hieße das – weniger elegant – ‚die Organisierung‘, die übrigens in den zitierten Texten zu ‚Organizing‘ nur einmal vorkommt: “ das deutsche Organisierungsmodell“ (3: S. 25).

Vor allem geht es jedoch um ein inhaltliches Anliegen: Einerseits soll sich das ‚Organizing‘-Konzept vom traditionellen Organisationsstil der Gewerkschaften abheben. Diese Distanz kann ein englischer Begriff vermitteln. Andererseits soll das amerikanische ‚Organizing‘ nicht einfach übernommen, sondern deutschen Verhältnissen angepasst werden. Und hierfür eignet sich ein aus der Fremdsprache entlehnter Begriff ebenfalls: Er wird in den Texten nicht nur mit besonderen Aktivitäten (Kampagnenführung), sondern auch mit einem ganzen Bündel an Ideen und Vorstellungen verknüpft, wie z.B. „Organizing bedeutet Emanzipation, Selbstbefähigung und Beteiligung zu fördern (3)“; die Mitglieder sollen „nicht Objekt, sondern Subjekt sein (1)“; „Die Einbeziehung und Aktivierung der Beschäftigten für ihre eigenen Interessen ist der Fokus von Organizing (2)“.

So erhält dieser Begriff eine spezifisch deutsche Prägung und wird bereits als „German Organizing“ bezeichnet (3: S. 25; 4). Seine sprachliche Wirkung – als lebendige und motivierende Vorstellung – kann das ‚Organizing‘-Konzept aber erst in dem Maße entfalten, wie es in die Tat umgesetzt, d.h. im gewerkschaftlichen Handeln erlebbar wird. Ein Baustein hierfür sind die Bildungsinitiativen der IG Metall: „Die Zukunft gehört dem Organizing“ heißt es im Bildungszentrum Sprockhövel (5), und zum Traineeprogramm der IG Metall für den Beruf Gewerkschaftssekretär/in gehört die „Organizing-Methode“ (6).

Quellen:
(1) „Der Organizer“ v. J. Boewe u. J. Schulten in: der Freitag v. 21.11.2013 [Link]
(2) „Organizing: Die mitgliederorientierte Offensivstrategie für die IG Metall“. Acht Thesen zur Erneuerung der Gewerkschaftsarbeit – Detlef Wetzel et al. (2008) [Link]
(3) „Organizing: Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis durch das Prinzip Beteiligung“ Hg. Detlef Wetzel VSA Nov. 2013 [Link]
(4) „Organizing – Die Veränderung der gewerkschaftlichen Praxis durch das Prinzip Beteiligung“: Buchvorstellung am 29.1.14 [Link]
(5) „Die Zukunft gehört dem Organizing“. IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel 05.07.2013 [Link]
(6) „Das Traineeprogramm der IG Metall: Beruf Gewerkschaftssekretär/in“ 05.05.2014 [Link]

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