Degrowth : Postwachstum, Wachstumskritik, Wachstumswende

Wie kann eine Gesellschaft jenseits von Wachstumszwängen aussehen? Welches sind die konkreten Schritte dorthin? Diese Fragen werden zur vierten internationalen „Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit“ in Leipzig (2.-6.9.14) diskutiert. Mit den ersten Stichwörtern erschließt sich bereits der thematische Rahmen der Konferenz. Doch was genau bedeutet ‚Degrowth‘?

Fragt man einen normal gebildeten (aber nicht unbedingt attac-aktiven) Engländer, was ‚degrowth‘ heißt, kommt ein Achselzucken, und schaut man in den ‚Langenscheidt‘, ist das Wort auch nicht zu finden. Die deutsche Wikipedia leitet ohne Eintrag oder Erläuterung zum Begriff ‚Wachstumsrücknahme‘ weiter.  Erst in der englischen Wikipedia wird man erleuchtet: Degrowth ist (sinngemäß) eine politische Bewegung, die sich auf ökologisches Wirtschaften und gegen Konsumzwang richtet, und eine ökonomische Strategie, die auf die Grenzen des Wachstums reagiert. Dazu wird auf die internationalen Konferenzen verwiesen.

Mit ‚Degrowth‘ ist also ein neuer Aktionsbegriff in der Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem geprägt worden. Es überrascht daher nicht, dass der Begriff im Einführungstext zur Konferenz (http://leipzig.degrowth.org/de/) eingehend erläutert wird. Im Abschnitt „Warum Degrowth?“ findet sich nicht nur das inhaltliche Konzept, sondern auch mancher Hinweis zur sprachlichen Umsetzung. Und hier ist ein Vergleich der Fassungen in den vier Konferenzsprachen (deutsch, englisch, französisch und spanisch) interessant:

Ohne Sprachkommentar finden wir ‚degrowth‘ in der englischen Fassung und ‚décroissance‘ in der französischen, wobei das Wort ‚décroissance‘ (zu Deutsch: Abnahme/ Rückgang/ Nachlassen) für Franzosen allgemein verständlich ist. Die spanische Fassung nennt zusätzlich zum Hauptbegriff ‚decrecimiento‘ die Variante ‚post-crecimiento‘ und verweist zugleich auf ‚degrowth‘ und ‚Postwachstum‘ (allerdings nicht auf ‚décroissance‘, möglicherweise weil dies kein Spezialbegriff ist). In der deutschen Fassung, die ‚degrowth‘ als Hauptbegriff übernimmt, werden Übersetzungen mit verschiedenen Bedeutungen angeführt: ‚Postwachstum‘, ‚Schrumpfung‘, ‚Wachstumswende‘ oder ‚Entwachstum‘.

Wie gehen nun die deutschen Konferenzteilnehmer mit den Begriffsvarianten um? Aufschlussreich ist das Konferenzprogramm, das alle Titel und Kurztexte zu den Beiträgen enthält (Link). Am häufigsten begegnen in den deutschen Texten ‚Degrowth‘ und ‚Postwachstum‘, auch von ‚Wachstumskritik‘ ist mehrfach die Rede, während es für ‚Schrumpfung‘, ‚Wachstumswende‘ oder ‚Wachstumsrücknahme‘ nur jeweils einen Treffer gibt und ‚Entwachstum‘ gar nicht vorkommt. Für die beiden Favoriten ist außerdem kennzeichnend, dass sie in in einer Vielfalt von Wortverbindungen auftreten. Oft geschieht das mit den gleichen Zusätzen, z.B. ‚Degrowth-Gesellschaft‘ neben ‚Postwachstumsgesellschaft‘, häufig aber auch mit unterschiedlichen Verbindungen, wobei ‚Degrowth‘ besonders viele Varianten bietet: von der ‚Degrowth-Idee‘ über ‚Degrowth-Befürworter_innen‘ und ‚Degrowth-Technologien‘ bis hin zum ‚Degrowth-T-Shirt‘ (natürlich durch die Konferenz bedingt!).

In der deutschsprachigen Diskussion, zumindest auf dieser internationalen Konferenz, scheinen also ‚Degrowth‘ und ‚Postwachstum‘ ebenbürtig zu sein, auch wenn sie inhaltlich nicht gleichbedeutend sind. Die variantenreichen Wortverbindungen mit ‚Degrowth‘ deuten zudem auf die sprachliche Einbindung dieses Anglizismus hin, trotz des (noch trennenden) Bindestrichs zwischen ‚Degrowth‘ und dem jeweiligen deutschen Wort. Wieweit sich allerdings ‚Degrowth‘ außerhalb des Konferenzusammenhangs durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

[12.09.2014] Aus den nachfolgenden Kommentaren (siehe unten) gehen drei sinnvolle Entsprechungen für ‚Degrowth‘ hervor: ‚Postwachstum‘, ‚Wachstumswende‘ und ‚Wachstumskritik‘. Sie heben unterschiedliche Aspekte hervor und sind gewiss auch erklärungsbedürftig, doch in jedem Falle kann man sich im deutschen Sprachgebrauch unter diesen Begriffen mehr vorstellen als unter ‚Degrowth‘!

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7 Antworten zu Degrowth : Postwachstum, Wachstumskritik, Wachstumswende

  1. Reinhard schreibt:

    Dieser Beitrag ist nicht nur sehr informativ, sondern er macht auch eine Reihe von Problemen deutlich, mit denen es Sprachbefasste zu tun haben.

    Wenn ein neues Wort geschöpft wird, mit dem man auf gesellschaftliche Veränderungen zielt, ist es vielleicht angeraten, zu fragen, welche Assoziationen ein Angehöriger der entsprechenden Sprachgemeinschaft damit haben könnte. Fällt den Wortschöpfern dazu gar nichts ein, bedeutet das, sie sind noch lange nicht auf der Zielgeraden. Gegebenenfalls sollte man prüfen, wie es um die Übersetzbarkeit der Wortschöpfung bzw. Namensvergabe in andere Sprachen bestellt ist.

    Zudem lässt der Beitrag von Sabine erkennen, dass es beim Übergang von einer Sprache in die andere um mehr geht als die Übersetzung von Vokabeln. Denn Sprache als etwas Gewordenes und sich ständig Veränderndes ist nicht nur mit unserem Denken verknüpft, sondern mit all unseren Sinnen, mit unserem Fühlen, Wollen und Tun. Und weil jede Sprache somit etwas sehr Komplexes ist, ist es für einen Fremdsprachler nicht so ohne weiteres möglich, voll und ganz in einer anderen Sprache zu leben, wie es ihm in seiner Muttersprache ohne weiteres möglich ist.

    Außerdem regt der Beitrag von Sabine an, darauf hinzuweisen, dass sich Sprachen neben Syntax und Grammatik auch darin unterscheiden, wie Wörter gebildet werden. Auch das ist ein historischer und ziemlich komplizierter Prozess. Die aus dem lateinischen stammende Vorsilbe de z.B.ist bei Fremdwörtern im Deutschen sehr gebräuchlich (Degeneration, Deeskalation, Defragmentierung, dementieren, dekadent, …). Vor deutschen Wörtern jedoch gibt es diese Vorsilbe wohl nicht. Dewachstum analog zu Degrowth ist im Deutschen nicht vorstellbar (noch nicht). Andererseits schreibt man im Englischen nicht deescalation sondern de-escalation…

    • Hermann H. Dieter schreibt:

      ich finde die Übertragung (nicht Übersetzung) von „degrowth“ als „Postwachstum“ ins Deutsche gelungen, weil sie 1) ein schon etabliertes deutschsprachiges Wortfeld aus Postmoderne, Postliberalismus… in erwünschtem Sinne mitbesetzt, 2) weil sie, anders als „Schrumpfung“ oder das unmögliche „Ent- oder Antiwachstum“, spontan positiv konnotiert ist und 3) vormoderne Wachstumsgläubige einlädt, in die moderne postmoderne Zeit mitzukommen, wenn sie nur wollen.

  2. Brigitte Sändig schreibt:

    „Postwachstum“ erscheint mir ganz und gar nicht als glücklicher, den angestrebten Tatbestand zutreffend benennender Begriff, denn: Er besagt nichts anderes, als dass auf das Wachstum ein weiteres, eben ein „Nach-Wachstum“, folgen soll (so wie mit der leidigen Post-Moderne etwas Vages, auf die Moderne Folgendes umschrieben ist – ohne inhaltliche Bestimmung).

    „Wachstums-Wende“ hingegen befürworte ich, denn damit wird das Andere, Neue, auch die Zurücknahme angesprochen.

    • Hermann H. Dieter schreibt:

      Über „Wachstumswende“ dachte ich auch schon nach; das Wort wäre in einem Satz wie „Wachstumswende durch Postwachstum“ auch sehr gut verwendbar, nicht aber als Bezeichnung der neuen Art von Wachstum, auf die es uns ankommt. Schließlich charakterisiert das Kompositum „Wachstumswende“ kein bestimmtes (das erwünschte) Wachstum, sondern nur die Wende dorthin.
      Die sprachliche Besetzung des noch vagen Begriffs „Postwachstum“ dagegen ergäbe sich aus der kontextual konsequenten Nutzung genau dieses Wortes. Niemals nämlich wird ein Wort „als solches“ sofort darüber informieren können, was es bezeichnet, immer nur zusammen mit dem Kontext, in dem es entstand und den es erst dadurch vermittelt. Man nennt diese Art von Sprachhandlung auch Begriffsbesetzung.
      Leider behindern wir Deutsche uns beim Worteschöpfen viel zu oft durch einen Perfektionismus, der Wörter als abstrakte, sozusagen frei schwebende sprachlich-wissenschaftliche und sich selbst erklärende Gebilde betrachtet, anstatt sie – allerdings nicht ziellos, sondern in kontextgebundener Absicht – sozusagen „aus der Hüfte“ auf die Welt der Begriffe und Interesssen loszulassen.

  3. kpraetor schreibt:

    Gerade vom Degrowth-Kongress zurückgekehrt, möchte ich noch ein anderes Wort in die Debatte bringen: Wachstumskritik. Das ist natürlich weder eine Übersetzung noch eine direkte Übertragung von Degrowth. Es ist aber deswegen bemerkenswert, weil es auch von den Organisatoren und Trägern des Kongresses häufig verwendet wurde. Es geht zumindest in die gleiche Richtung, signalisiert aber zugleich eine argumentative, diskussionsbereite Grundhaltung.

  4. Hermann H. Dieter schreibt:

    Ich sehe diese wichtigen Begriffe in folgendem logischem Zusammenhang: Wachstumskritik argumentiert für eine Wachstumswende in Richtung Postwachstum.

  5. Pingback: Hingucker zum SoliKon2015 | Forum Sprachkritik und Politik

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