Vom Sprechen nach der Wende – ein Beitrag zum Gedenkjahr

Von Brigitte Sändig

Wie war es mit der „Freisetzung des Sprechens“ nach dem Fall der Mauer? Neue Begriffe, neue Floskeln und Wendungen tauchten auf, wurden erst noch mit ironischer Distanz, gewissermaßen in Anführungszeichen gebraucht, bald aber unbemerkt und flüssig. Das, was Hannah Arendt im Unterschied zum eigentlichen Sprechen „bloßes Gerede“ nennt, das taktische, verbrämte, vorgegebene Sprechen, gewann Raum.

In einem sogenannten Bologna-Schwarzbuch, einer Darstellung der Veränderungen, denen die deutsche Universitätslandschaft seit Beginn des neuen Jahrtausends ausgesetzt ist, heißt es in puncto Sprache: „Systematische Unterdrückung der Freiheit beginnt in der Regel mit Eingriffen in die Sprache. Mittels Sprachregelung versucht man das Denken der Menschen schleichend zu manipulieren…“(1). Der Versuch gelingt meistens, denn auf der anderen Seite, der der Manipulierten, ist aus sehr komplexen, hier nicht zu erörternden Gründen viel Erfüllungsbereitschaft da. Zur Manipulation gehört etwa die ständige Wiederholung absichtsvoll geschaffener Begriffe, die dadurch in den Status des Selbstverständlichen erhoben werden und sich unversehens in den allgemeinen Sprachgebrauch einschleichen. Das kann mit positiv konnotierten Ausdrücken wie „Wissensgesellschaft“ oder „Qualitätsentwicklung“ geschehen, die freilich die Frage aufkommen lassen: Wurde denn vormals ohne Wissen, ohne Qualität gelernt und gearbeitet? Und fragt man, welche Art von Wissen oder Qualität in der neuen Anwendung gemeint ist, entpuppen sich die Begriffe als Euphemismen: Nicht um Wissen, sondern um zweckdienliche Informationsverarbeitung, nicht um Qualität, sondern um die Verdichtung von Arbeitsabläufen geht es tatsächlich. – Häufig sind auch Begriffsersetzungen: So wird im sozialen Bereich aus ärztlicher Hilfe eine Dienstleistung, aus dem Patienten ein Kunde. Damit wird dem Kranken eine Souveränität vorgespiegelt, die er tatsächlich nie hat: Denn wie kann er die ihm notwendige Behandlung als beliebige Dienstleistung wählen und dementsprechende Verträge abschließen? – Dann wieder werden die Euphemismen durch knallharte Direktheiten zurechtgerückt: Mit Begriffen wie „Humankapital“ oder „Marke Mensch“ wird dem eben noch umschmeichelten Kunden beigebracht, was er tatsächlich ist: ein Stück mehr oder weniger verwertbares Kapital.

Diese wenigen Beispiele, die ins Endlose erweitert werden könnten, sind als Elemente marktkonformen Geschwätzes Bausteine eines zusammenhängenden Textes, der auf ein umfassendes Ziel ausgerichtet ist: auf die Zurichtung des Menschen zum Objekt effizienter betriebswirtschaftlicher Abläufe. Die daran Interessierten werden mit „Global Players“, mit „multinationale Konzerne“ auf wenig greifbare Weise benannt. Doch in dieser unpersönlichen, schwer greifbaren Existenz beherrschen sie mittels all derer und all dessen, was ihnen zu Gebote steht – und das ist ja auch die beherrschende Flut von Texten und Bildern, die uns umgeben – große Teile des Denkens, Fühlens und Sprechens von jedermann. Wie groß die Teile sind, die ihnen überlassen werden, hängt ab von der geistigen Wachheit und von dem emotionalen Gespür eines und einer jeden und, wenn beides funktioniert, vom Mut zu persönlichen Entscheidungen, die zuweilen kaum merkbar, dann aber wieder durchaus sichtbar sind.

Wer kennt nicht zum Beispiel die öffentlichen und selbst privaten Sprechsituationen, in denen man sich unversehens vor der Wahl sieht, sich entweder eines „Neusprech“-Elementes, eines Bausteins der manipulativen Sprachregelung, zu bedienen oder des herkömmlichen, ehrlicheren Wortes? Meist drängt sich die erste Variante auf (zumal die Zeit für regelrechte Entscheidungen im Akt des Sprechens gering ist), und schon ist ein Stück Anpassung, im Sprechen und in der Sache, erfolgt; ringt man sich zu der zweiten Variante durch, läuft man Gefahr, sich als Außenseiter oder anachronistisches Relikt zu outen. Vom Inhalt des Gesprochenen, der Hauptsache, ist dabei noch gar nicht die Rede. Dazu sei nur so viel gesagt: Keine inhaltliche Äußerungsform marktkonformen Geschwätzes kommt ohne „Neusprech“-Elemente aus; sie sind ein sicheres Indiz für manipulatorische Absichten und deren Erfolg.

(1) Christian Scholz, Volker Stein (Hg.), Bologna-Schwarzbuch, Bonn 2009, S. 48

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Eine Antwort zu Vom Sprechen nach der Wende – ein Beitrag zum Gedenkjahr

  1. Ortwin Zeitlinger schreibt:

    Auch nach einem Vierteljahrhundert staune ich immer noch ein wenig darüber, dass die hier so präzis beschriebene manipulative Sprache zum Zwecke der Kapitalverwertung denjenigen Menschen so angenehm fremd gewesen sein muss, die bis zu dem Ereignis, das in dieser ma-nipulativen Sprache „Wiedervereinigung“ genannt wird, hinter dem – im Westen so genann-ten – „Eisernen Vorhang“ lebten. Menschen, die auf der anderen Seite dieses Vorhangs leb-ten, waren bereits Jahre früher an diesen kapitalistischen „Neusprech“ gewöhnt.
    In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass auch schon 1938 die Einverleibung eines kleineren Staates in einen größeren von regierungsamtlicher Seite „Wiedervereinigung“ genannt wurde. Formal handelte es sich zwar sowohl 1990 als auch 1938 um eine solche, da sowohl das 1990 angeschlossene Gebiet vor 1945 zum selben Staatswesen gehörte wie das, an das es angeschlossen wurde, als auch das 1938 angeschlossene, auch wenn da die Teilung statt 45 bereits 72 Jahre zurücklag. Dass es sich beim „Dritten Reich“ der Nazis um ein sehr viel stärker zentralistisches Staatsgebilde handelte als beim Deutschen Bund von 1866, ist sicherlich sekundär in einem Zusammenhang, in dem es jeweils darum ging, den Bewohnern eines angeschlossenen Gebietes einen Anschluss schmackhaft zu machen.

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