Kriegsrhetorik im Überblick

Eine alte Formel besagt, Kriege brechen nicht aus, sie werden gezielt vorbereitet, durch exzessive Waffenproduktion, Waffenexport, Schmieden von Allianzen und Kriegsrhetorik.

Die Idee der Kriegsrhetorik in einer globalisierten Medienwelt basiert im Wesentlichen auf den Erkenntnissen des Marketing Strategen Edward Bernays. Er schreibt in seinem Buch „Propaganda“ (1929): „Die bewußte und zielgerichtete Manipulation der Massen ist wesentlicher Bestandteil der Demokratie.“

Am Beispiel des Ersten Weltkriegs formulierte Arthur Ponsonby 1928 die Strukturgesetze der Kriegspropaganda. Die Historikerin Anne Morelli griff diese Erkenntnisse auf und systematierte sie 2004 in zehn Prinzipien der Kriegspropaganda.

Heute stehen die Zeichen wieder auf Eskalation – eine mächtige Lobby hat gewaltiges Interesse am Krieg. In den aktuellen Verteilungskämpfen um Ressourcen und eine „Neue Weltordnung“ regiert eine „geeinte Konsens-Elite gegen die Interessen eines Großteils der Bevölkerung“. Einbezogen sind „Elitejournalisten“, die den von der Nato vorgegebenen „erweiterten Sicherheitsbegriff“ propagieren, wonach es nicht um Verteidigung des eigenen Vaterlandes geht, sondern um eine „in Reichweite, Technik und Führung weit gespannte Vorfeldverteidigung“, gegen eine „Bedrohung durch Terror, Massenvernichtungswaffen, Cyberwar und organisiertes Verbrechen, Klimawandel und Völkerwanderung“. (Uwe Krüger, Meinungsmacht, Köln 2013 – Webseite).

Darüber hinaus erarbeiten transatlantische Denkfabriken geopolitische Strategien und Leitbegriffe. Zbigniew Brzezinski hat in seinem Buch „Einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (1998) die Metapher vom ‚eurasischen Schachbrett‘ entwickelt. Das transatlantisches Strategiepapier „Neue Macht – Neue Verantwortung“ (2012/2013). hat Leitlinien für Deutschland entworfen. Und der Leiter der amerikanischen Denkfabrik STRATFOR, George Friedman, hat in einer Rede (2015) angesichts der Ukrainekrise vor einer Annäherung zwischen Deutschland und Russland gewarnt.

Kriegsrhetorik ist notwendig, um die öffentliche Meinung für einen Krieg zu gewinnen. Weil für die meisten Menschen der Krieg keine Selbstverständlichkeit ist, muss der Kriegswille der Bevölkerung mit PR-Strategien erzeugt werden, nach Le Bon eine „Gemeinschaftsseele“ (Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. 1912). Nicht der Vorfall ist wichtig, sondern die Meinung über den Vorfall (Martin Thiele: Zur Dialektik der USA-Kriegsrhetorik – Webseite).

„Ein Krieg wird in einer Demokratie nach den gleichen Regeln populär gemacht wie die Ablehnung eines Krieges. Es gilt das Prinzip der Eingängigkeit: Claim, Melodie, Refrain. Kriegsbegründungen werden komponiert wie ein Sommerhit (…) Propaganda ist die Art, in der man Menschen überzeugt, dass eine Lüge wahr ist“ (Felix Dachsel: Krieg ist Pop. In: taz v. 14.09.2013 – Artikel).

Zur Vorbereitung des Krieges werden Anlässe erfunden oder inszeniert, z.B.:

1991: 1. Golfkrieg wurde durch eine inszenierte PR-Aktion  begründet: “Brutkastenlegende“.
2003: 2. Golfkrieg wurde mit Besitz von Massenvernichtungswaffen Iraks begründet.
1999: Jugoslawienkrieg wurde mit Völkermord gegen die albanische Bevölkerung begründet.
2013: Wegen des angeblichen Besitzes von Giftgas soll Syrien angegriffen werden.

Zur Rechtfertigung des Krieges dienen Konflikterzählungen, z.B.

1999
„Wir müssen Luftschläge gegen militärische Ziele in Jugoslawien durchführen, um schwere Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden. Milossewitsch führt einen erbarmungslosen Krieg gegen die albanische Bevölkerung. Wir führen keinen Krieg – wir schaffen eine friedliche Lösung im Kosovo mit militärischen Mitteln.“ H.Schröder. „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz“ J.Fischer
2002
„Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt.“ Peter Struck
2013
Die neue Bundesregierung kündigt das „Ende der militärischen Zurückhaltung“ an. „Deutschland ist zu groß und zu mächtig, um Weltpolitik von der Außenlinie zu kommentieren.“ F.-W. Steinmeier
2014
Auf der Münchener Sicherheitskonferenz bezeichnet Gauck „militärische Zurückhaltung als Duckmäusertum“, Deutschland soll „vom Nutznießer zum Garanten der Sicherheit“ werden. Die Presse lobt Gauck als „Mahner gegen deutsche Bequemlichkeit“ und preist den „Abschied vom Ohnemicheltum“.

In öffentlichen Reden werden rhetorische Regeln manipulativ angewandt, z.B.

# Glorifizierung von Freund (Held, Märtyrer) und Dämonisierung von Feind (Diktatoren, Mörder, Schlächter, Verbrecher)
# Kapitalinteressen werden als Menschenrechts-, Demokratie-, Wohlstands- und  Stabilitätserhalt verschleiert.
# Menschenrechte und Demokratie werden hervorgekehrt, um Menschenrechte und Demokratie zu verschleiern.

In der Kriegsberichterstattung werden die wahren Vorgänge durch verschleiernde Begriffe verdeckt, z.B.

Humanitärer/militärischer Einsatz, militärische Operation, Antiterroreinsatz = Krieg
Luftschlag, Luft-Campagne, Luftangriff = Bombardierung
Weitgespannte Vorfeldverteidigung = Angriffskrieg
Kollateralschaden = Tötung von Zivilisten
Soft Target = Weiches Ziel, ungeschütztes Ziel
Smart Bombs = Präzisionsgesteuerte Raketen
Mini Nukes = Uranbomben

Weitere Untersuchungen und Beispiele siehe „Kriegsrhetorik“ von Günther Gugel, Institut für Friedenspädagogik, Tübingen (Webseite)

PS:

Dieser Überblick zur Kriegrhetorik wird laufend aktualisiert und schließt auch Verweise auf neuere Beiträge innerhalb des Forumblogs ein (vgl. Aufstellung unter  Kriegsrhetorik).

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