Stimmen aus dem „dunkeldeutschen Wald“

Wir sind heute mit einem Wirrwarr von Meinungen konfrontiert – ob um Asylpolitik, ‚militärische Verantwortung‘  oder die EU-Problematik. Besonders schwer zu orten sind Stimmen, die auf populistische Weise altes Denken unter die Leute bringen – gewissermaßen aus dem „dunkeldeutschen Wald“ in heutige Debatten eindringen. An welchen Argumenten und Schlagworten erkennen wir diese Stimmen?

Unter dem Titel „Im dunkeldeutschen Wald“ hat der Freitag (Nr. 8/ 2014) eine bunte Palette von Rechtsdenkern porträtiert und auf ihren gemeinsamen geistigen Nenner abgeklopft. Einige Porträts und das Resümee werden nachfolgend kurz gefasst wiedergegeben – mit besonderem Blick auf die Ausdrucksmittel der Rechtsdenker. Allen voran Thilo Sarrazin: er gab mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) dem deutschen Rechtspopulismus Gesicht und Argument. Sein rücksichtsloses Gespür für die Vorurteile seines Publikums ließ ihn zum perfekten Vordenker einer neuen Bewegung der Kleinbürger-Propaganda werden. Seine Texte sind Volkshochschulkurse in solcher Propaganda. Logische Kurz- und Zirkelschlüsse, Anspielungen, Unterstellungen, bewusste Missverständnisse – und alles zielsicher in den Dienst einer Sache gestellt: den Kampf gegen das liberale Denken (1).

Und Rechtsdenker wie Hans-Olaf Henkel (AfD):  sein marktradikales konservatives Profil gewann er als Dauergast diverser Talkshows. Dort spielte er die Rolle des unangepassten Außenseiters und wetterte gegen angebliche Denkverbote, die Mainstream-Meinungen und den Linksruck der Gesellschaft, darin Thilo Sarrazin nicht unähnlich (2). Oder Necla Kelek: sie kritisiert die islamische Parallelgesellschaft, nicht immer zu unrecht, aber provokant zugespitzt. Wenn sie z.B. Kopftücher marktschreierisch eine „Körperverletzung“ nennt, aus der systemisch dann Zwangsheirat und Ehrenmord erwachsen, spielt sie jenen in die Hände, die in der islamischen Zivilisation allein Gewalt und Unterentwicklung sehen wollen (3). Oder Peter Sloterdijk, mit seinen steilen Gedankenflügen nach rechts: so schrieb er z.B., man solle die „Zwangssteuern“ abschaffen und durch „Geschenke“ der Wohlhabenden „an die Allgemeinheit“ ersetzen (4).

Wie Axel Brüggemann (5) feststellt, ist noch nicht absehbar, wie sich das heterogene Feld der rechten Protagonisten in Deutschland ordnen wird. Unüberhörbar ist die neue Selbstverständlichkeit des nationalkonservativen Tones jedoch schon jetzt. Er schmückt sich gern mit dem Mythos des Revolutionären und Anti-Regierenden. Ganz bewusst setzen die neuen Rechtsdenker auf Themen wie Deutschlands Rolle in Europa und der Welt, Schwule und Lesben oder das militärische Engagement der Bundeswehr im Ausland. Der pseudo-aufgeklärte, angeblich zukunftsweisende Protest soll das bislang Politisch-Korrekte diskriminieren und als Auslaufmodell des deutschen Spießertums brandmarken. Die neuen Rechtsdenker scheinen eine breite Masse der Bürger gerade dadurch zu begeistern, dass sie offen aussprechen, was viele bisher nur im Stillen gedacht haben.

Angefeuert wird dieser Kampf um Stimmen, wie Brüggemann enthüllt, durch Publizisten und Journalisten, die sich um den Springer-Verlag gruppieren. Sie nutzen ihre Twitter- und Facebook-Accounts, um Texte bei ihrer Klientel zu streuen und durch außerredaktionelle Kommentare noch mehr anzuheizen. Grundsätzlich eint sie, dass sie versuchen, platte Ressentiments in einen intellektuellen oder gesellschaftlich relevanten Streit umzuwandeln. Ihre eigentliche Funktion besteht darin, den an sich biederen Politikern der Neuen Rechten einen vermeintlich modern geführten und aufgeklärten Diskursraum zu bieten. In diesem journalistischen Umfeld werden bislang bestehende Tabus scheinbar spielerisch und aus purer Lust an der Provokation gebrochen und hoffähig gemacht. Die Springer-Autoren öffnen so erzkonservative Ideen einem breiten Publikum.

Quellen:
„Im dunkeldeutschen Wald“. Wochenthema, der Freitag Nr. 8 v. 20.2.2014 [Online: 4.3.2014]: (1) Jakob Augstein: Das Role-Model (Thilo Sarrazin); (2) Philip Grassmann: Der Hans-Olaf; (3) Sabine Kebir: Die Abtrünnige (Necla Kelek); (4) Michael Jäger: Der Zwangsdenker (Peter Sloterdijk); (5) Axel Brüggemann: Rechtsdenker.

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