„Man wird ja wohl noch sagen dürfen…!“

Schon lange gibt es Aussprüche vom Typ „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…!“ Erst vor wenigen Jahren im Meinungsstreit um Sarrazin geläufig, wurden sie jüngst bei den Protestaktionen von und gegen Pegida neu belebt. Was hat es mit dieser immer wieder strapazierten Floskel auf sich? Warum sagt ‚man‘ nicht einfach, was ‚man‘ möchte? 

Mit der Schlagzeile „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ eröffnete BILD (04.09.2010) ihre Kampagne für Thilo Sarrazin und dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“. „Klartext-Thilo“ müsse gegen die „Sprechverbote“ der „dummen“ Parteipolitiker verteidigt werden. Sätze wie „Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein“ seien zwar „hart“ und „unbequem“. Wer derartiges in Deutschland sage, werde „niedergemacht, ausgebuht, abgesägt!“. Es dürfe aber auch bei solchen Sätzen „keine Sprechverbote“ geben. Deswegen kämpfe BILD nun für die „Meinungsfreiheit“.(1)

Schon zuvor gab es einen Werbeslogan der BILD: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“. Als Parodie auf diesen Slogan brachten die Journalisten des BildBlog einen medienwirksamen TV-Spot heraus, der in dem Satz „Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt“ gipfelte (2). Auch heute noch hat BILD eine Kolumne (von Hugo Müller-Vogg) unter dem Titel „Das muss doch mal gesagt werden!“.

Was steckt hinter diesen Aussprüchen? Jakob Augstein kommentiert sie in seinem Artikel über tatsächlichen und angeblichen politischen Mut:   „Wenn einer so redet, dann lügt er schon. Denn er weiß, dass er sagen kann, was er will. Dass kein Tabu und kein Verbot ihn hindern und keine Strafe ihm droht. Hinter dem Satz verbirgt sich das anti-aufklärerische Ressentiment. Denn das, was man ja noch sagen dürfen soll, ist zumeist nichts als das Vorurteil. Es gibt niemanden, der es verbietet, das Vorurteil zu verbreiten – dem stehen nur Vernunft und Anstand entgegen. Wer diese Phrase nutzt, will also zumeist Vernunft und Anstand hinter sich lassen und frei von der Leber weg reden.“(3)

Die letzten Protestaktionen, ob Pegida oder Montagsdemos, haben die Rhetorik vom „sagen dürfen“ erneut in die Schagzeilen gebracht. Vor allem tauchten sie in der Berichterstattung auf, und zwar in unterschiedlichen Schattierungen.  Mit ironischem Anflug z.B. in einem Artikel über ‚Querfront-Denker‘: „Nebenher ist Jebsen ein militanter ‚Israel-Kritiker‘, und das wird man wohl noch sagen dürfen.“(4) In eher auftrumpfendem Stil in einem Positionspapier der AfD Kassel: „Pegida oder: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen?“, mit dem nachfolgenden Kommentar „Politiker bezeichnen die Menschen, welche ihr demokratisches Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen, als „ Nazis in Nadelstreifen“ und „Mischpoke“ .Na, dann ist ja alles klar.(5)

Aber auch in der Gegenbewegung zu Pegida, z.B. der Netzaktion „Schneegida“, kommen Formulierungen wie „Man wird doch wohl noch sagen dürfen …“ vor, zusammen mit anderen Anspielungen auf gängige Stammtischparolen.(6) Hier ist der Slogan eine Art feindlicher Übernahme durch Parodie, die sich in der Auseinandersetzung mit Ressentiments als ziemlich erfolgreich erweist.

Quellen:
(1) Robin Meyer-Lucht: BILD erliegt dem Boulevard-Gen: “Man wird ja wohl noch sagen dürfen”-Kampagne für Sarrazin. Carta, 4.9.2010 [Artikel]
(2) „Bild“-Kritik im TV: Stars werben für „Bildblog“. Spiegel Online 22.08.2007 [Artikel]; Hans Hoff: Mut zur Lüge. Süddeutsche.de 11.5.2010 [Artikel]
(3) Jakob Augstein: Die böse Geschichte vom Gutmenschen. Freitag v. 23.12.2014
(4) Thomas Assheuer: Die nationale Querfront. Die Zeit v. 2.1.2015
(5) PEGIDA oder: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen? AfD-Kassel, 21.12.2014[Artikel]
(6) Markus Pfalzgraf: Schneetreiben in 140 Zeichen. SWR, Stand: 30.12.2014 [Artikel]

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Eine Antwort zu „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…!“

  1. Hermann H. Dieter schreibt:

    Mir scheint, es lohnt sich, darüber nachzudenken, was wäre, wenn Augsteins Urteil, die Urteile der selbst ernannten „Sagendürfer“ seien lügnerische Vorurteile, womöglich selbst ein solches wäre. Jedenfalls ist es (s)ein Vorurteil, das Attribut „Mut“ komme nur solchen Leuten zu, die längst bekannte und unwidersprochene Wahrheiten verbreiten.

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