Hingucker zum SoliKon2015

Neue oder ungewöhnliche Wörter sind ‚Hingucker‘, sie wecken Neugierde – wichtig für einen Kongress wie SoliKon2015, der ein eher abstraktes Thema hat: Solidarische Ökonomie und Transformation. In seinem umfangreichen Programm, vor allem in den über 100 Workshops, sind viele Hingucker zu entdecken.

Initiativen zur solidarischen Ökonomie gibt es nicht nur (und nicht einmal vorrangig) in Deutschland, sondern in vielen anderen Ländern Europas und weltweit. Genau das widerspiegeln die Themen der Workshops. Entsprechend vielfältig sind die (inter)nationalen Akzente, auch unter den Hinguckern. Überblicken wir das Programm der Workshops, könnten uns zum Beispiel folgende Ausdrücke auffallen (die betreffenden Workshops sind unter [W] abrufbar):

Autonomía Zapatista [W]
Dieser Begriff aus der Ferne weckt zwei interessante Vorstellungen: „Zapatisten“ – indigene revolutionäre Gruppierungen in Mexiko, und „Autonomie“ – Selbstbestimmung. Wie passen die zusammen? Der Untertitel macht das klar: „Kollektive Selbstorganisierung in Chiapas/ México“, und der Text schließt eigene Erfahrung im Zusammenleben und Alltag in einer zapatistischen Gemeinde ein.

Mitleidsökonomie [W]
Hier sind zwei Dinge gekoppelt, die sich zu widersprechen scheinen: ‚Mitleid‘ und ‚Ökonomie‘. Diese Spannung weckt Phantasie. Im Umfeld des Begriffes finden wir im Internet u.a. ‚Umsonst-Märkte‚, die ohne Geld funktionieren, und ‚Geschenkökonomie‚ – sind das Utopien im luftleeren Raum? Das Workshop-Thema verspricht etwas anderes:  alternative Formen der Armutsbekämpfung und solidarischen Versorgung .

La Via Campesina [W]
Wieder ein ‚exotisch‘ anmutender Name – auf Spanisch „der bäuerliche Weg„, der eine internationale Bewegung von Kleinbauern und Landarbeitern bezeichnet. Vorgestellt werden Konzepte aus der Praxis in Südindien.

Wirtschaftskonvent [W]
„Auf dem Weg zum Wirtschaftskonvent“ ist der Titel – da erwartet man ein konkretes Ziel, doch was ist gemeint? ‚Konvent‘ heißt nichts anderes als ‚Zusammenkunft‘. Speziell geht es um ein Vorhaben der Gemeinwohlökonomie, wie es auf der Webseite der AG Wirtschaftskonvent umrissen wird.

Ecommony [W]
Ist das ein Schreibfehler? Mitnichten – es ist eine Wortkonstruktion aus ‚economy‘ und ‚commons‘ (auch als ‚Schachtelwort‚ bezeichnet). Geprägt hat sie Friederike Habermann, mit der Grundidee: Ressourcen so offen wie möglich allen zur Verfügung zu stellen – „Alles für Alle“. Was wäre die treffendste deutsche Bezeichnung dafür? ‚Null-Konkurrenz-Gesellschaft‘ finden wir im Untertitel des Workshops, ‚Wirtschaft mit Gemeingütern‘ in einem Blog.

SoLaWi-Initiative [W]
Das klingt beschwingt (was man von dem vollen Namen ‚Solidarische Landwirtschaft‘ nicht unbedingt sagen kann!), und wenn es hier um die ‚Gründung‘ einer Initiative, dazu noch als ‚Planspiel‘ geht, dürften sich Experimentierfreudige von diesem Workshop angezogen fühlen.

Change Your Shoes [W]
Ein gute Rat, aber worauf bezogen? Vielleicht ein Modell des Teilens und Tauschens? Das hieße allerdings besser ’share your shoes‘. Was uns tatsächlich erwartet ist jedoch eine Auseinandersetzung mit sozialen und ökologischen Bedingungen in der Schuhproduktion. Den Workshop-Titel könnte man also als Werbeslogan mit kritisch-ironischem Unterton auffassen.

einfach.nomadisch.leben. [W]
Bei diesen Stichworten fühlt man sich in vergangene Zeiten versetzt, bis hin zu den Jägern und Sammlern, oder in ferne Regionen der Welt, wie Nordafrika und Asien. Vielleicht denkt man auch an aktuelle Debatten: „Jugendarbeitslosigkeit – Europas junge Nomaden“ (faz) und „Europa: Kein Platz für Nomaden…“ (arte). Doch im Workshop geht es um ganz neue Entwürfe alternativen Lebens und Wohnens, die nicht nur in sesshafter sondern auch in nomadischer Form denkbar sind.

Nudge yourself [W]
Ein ‚Lifestyle‘-Konzept, das wohl erklärungsbedürftig ist.  Wörtlich übersetzt: sich anstoßen, schubsen. Gemeint sind kleine Impulse anstelle umwälzender Vorhaben, z.B. „Nudge yourself to a healthier life“: statt gedankenlos mehr als nötig zu essen, nimm einfach kleinere Teller (Blog). Das gedankliche Spektrum des Workshops ist allerdings viel breiter: Strategien zum nachhaltigen Konsumverhalten.

Von Commons zum Commonismus? [W]
Der Workshop spannt einen großen konzeptionellen Bogen. Da empfiehlt es sich vorher nachzulesen, woher der Begriff ‚Commons‘ kommt und was wir im Deutschen dafür sagen (könnten), z.B. das schöne Wort ‚Allmende‘. Mehr dazu finden Interessierte in dem Beitrag Common(s) im Forum Sprachkritik.

Commonssyndikalismus [W]
Was ‚Commons‘ bedeutet, ist schon gut zu wissen, bei ‚Commonssyndikalismus‘ ist allerdings ein neues Fragezeichen fällig. Googeln hilft da wenig, auch der Untertitel („eine nichtkapitalistische, selbstorganisierte (Re)Produktionsweise“) lässt so manchen weiter rätseln, erst der Text macht das eigentliche Anliegen klar… Vielleicht gehen aus der Diskussion im Workshop, ganz nebenbei, ein paar leichter verständliche Begriffe hervor?

Degrowth [W]
Unter dem Titel „Postwachstum und Degrowth“ kann sich wohl jeder irgendetwas vorstellen. ‚Degrowth‘ ist allerdings eine recht eigenwillige Wortschöpfung, auch für englische Sprecher ungewöhnlich. Wir haben den Begriff anlässlich der gleichnamigen Leipziger Konferenz 2014 im Forum Sprachkritik diskutiert: Degrowth. Die englische Version des Workshoptitels bietet sogar ein besonderes Wortpaar: „Postgrowth and Degrowth“ – als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen?

Diese wenigen, willkürlich gewählten Hingucker machen hoffentlich Lust, das SoliKon2015-Programm näher in Augenschein zu nehmen – hier ist die Website: http://www.solikon2015.org/

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