Sprachkritisch unterwegs – Foruminfo 01/2016

Sonderausgabe zum Unwort des Jahres 2015: Gutmensch

Der diffamierend verwendete Begriff Gutmensch ist nicht neu, doch in der sogenannten Flüchtlingsdebatte des letzten Jahres tauchte er vermehrt auf, und das war entscheidend für die Unwortwahl. Aber gäbe es in dieser Debatte nicht noch ‚gefährlichere‘ Unwortkandidaten?

Zunächst die Begründung der Jury:

„Als Gutmenschen wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf Gutmensch, Gutbürger oder Gutmenschentum werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert. Der Ausdruck Gutmensch floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem Konformismus des Guten benutzt.“ [Pressemitteilung 12.1.16]

Anatol Stefanowitsch hingegen hätte für die Wahl des Unwortes Begriffe vorgezogen, die maßgeblich rechte Gedankenmuster im öffentlichen Diskurs geprägt haben:

„Ich denke da besonders an die Euphemismen, mit denen rassistische, nationalistische, fremdenfeindliche und rechtsextreme Positionen im Laufe des Jahres immer wieder belegt wurden – vom Asylgegner über den Asylkritiker und die Asylkritik bis zur Asyldebatte. Auch das Wort rechtspopulistisch, das die Unwort-Aktion selbst in ihrer Pressemitteilung verwendet, ist ein solcher Euphemismus, wenn er nicht für tatsächliche Rechtspopulisten (wie gewisse Spitzenpolitiker der CDU, CSU oder SPD) sondern für Rechtsextreme verwendet wird.
Diese (und ähnliche) Euphemismen signalisieren eine Angst, die Positionen, die sich derzeit wieder einmal vom rechten Rand in die Mitte unserer Gesellschaft ausbreiten, klar und deutlich beim Namen zu nennen. Damit tragen sie dazu bei, diese Positionen zu legitimieren, als Spielarten gesellschaftlich akzeptierter oder zumindest akzeptabler Meinungen darzustellen. Damit sind sie Teil einer subtilen, schwer erkennbaren Verschiebung von Werten, die viel gefährlicher ist als ein eigentlich schon etwas in die Jahre gekommenes Wort wie Gutmensch.“ [Beitrag in Sprachlog 12.1.16]

Die Unwort-Jury hatte allerdings andere Kandidaten außer Gutmensch im Blick: Ebenfalls gerügt wurden Hausaufgaben im Zusammenhang mit Griechenland und der Begriff Verschwulung. [Spiegel Online]

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